Schutzhund und Hundesport

Ein Interview mit Peter Bühler

Herr Bühler, die Arbeit des Schutzhundes gehört zu den spektakulären Disziplinen einer Meisterschaft. Wo kommt diese Disziplin her?

Diese sportliche Disziplin ist aus einem Dienstbereich der Polizei entstanden. Schon im letzten Jahrhundert setzte die Polizei Hunde für Schutzdienstarbeiten ein. Der Nutzen der Hunde für diese Arbeit war unbestritten. Deshalb machte der Schutzdienst der Hunde eine rasante Entwicklung durch. Weltweit sind heute unzählige Hunde für diese Arbeit im Einsatz. Viele Zivilpersonen waren von dieser Arbeit fasziniert, und so entstand im Sportbereich eine ähnliche Disziplin.

Was sind Unterschiede zwischen der Sportdisziplin Schutz und dem Einsatz bei der Polizei?

Die Hunde bei der Polizei sind mit dem Ziel „Ernsteinsatz“ ausgebildet, die Sporthunde mit dem Ziel „Wettbewerb an Prüfungen“, zum Beispiel Schweizer Meisterschaft. Die Ausbildung der Sporthunde ist klar auf die Beute ausgerichtet. Als Beute versteht der Sporthund den mit Schutzkleidung ausgestatteten Helfer. So entstehen im Alltag keine Probleme, weil der Hund andere Personen nicht als Beute versteht.

Einige Leute, die mit dem Hundesport nicht vertraut sind, halten Schutzhund und Kampfhund für ein und dasselbe. Was sagen Sie dazu?

Die Medien und die Allgemeinheit neigen auch in diesem Bereich dazu, alles zu vereinfachen. Die einzelnen Hunderassen wurden auf verschiedene Ziele hin gezüchtet. Deshalb sind einzelne Rassen im Aggressionsbereich leichter zu missbrauchen. Aus solchen Rassen können „Kampfhunde“ gemacht werden. Aber das ist ein klarer Missbrauch der Tiere. Aus hundesportlicher Sicht ist das ganze „Kampfhunde(un)wesen“ klar abzulehnen, weil es unverantwortlich ist, und weil es mit Sport nach unserem Verständnis nichts zu tun hat.
Der sportliche Schutzhund muss eine ausgewogene Veranlagung im Spiel und Beutebereich haben. Darauf wird die Ausbildung aufgebaut. Der Hundesport fördert das Zusammenleben von Mensch und Tier zum Vorteil beider Seiten.

Trotzdem, ist es nicht gefährlich, wenn die Hunde im sportlichen Training das Beissen trainieren? Ist es sicher, dass ein Hund immer in den gepolsterten Ärmel beisst?

Ja, natürlich. Die Situationen im Training und an Prüfungen sind für den Hund immer klar erkenntlich und unterscheiden sich deutlich von den Alltags-Situationen. Zudem ist der Hund, wie gesagt, auf Beute fokussiert, und das funktioniert. Wer mit einem Hund spielt, kann beobachten, wie der Hund ihn am Arm „fasst“. Aber der Hund beisst nicht zu, weil er in dieser Situation eine Beisshemmung hat. Beim Schutzärmel beisst er jedoch jederzeit voll zu. Dieses Beispiel macht auch klar, dass die Eignung eines Hundes und seine Charaktereigenschaften eine wichtige Voraussetzung für die Ausbildung im Sportbereich Schutzdienst sind.

Sie sprechen vom „Charakter des Hundes“. Können Sie dazu noch etwas sagen?

Es gibt unter den Hunden wie unter den Menschen verschiedene Charaktere. Es gibt Hunde mit grosser Selbstsicherheit, mit innerer Stärke und mit sichtlicher Ausstrahlung. Für unsere Sportart brauchen wir selbstsichere, triebstarke Hunde, weil das Konfliktpotenzial im Schutzdienst gross ist. Hunde, welche die Anforderungen des Schutzdienstes erfüllen, entwickeln mit der Zeit eine ausgesprochene „Persönlichkeit“.

Kann ein Schutzhund in der Familie gehalten werden?

Ja, ohne weiteres. Die Caniden (Hundeartige) sind Rudeltiere. Der Hund betrachtet die Familie als Rudel, und darum will er natürlich dazu gehören. Allerdings entsprechen die Regeln des Zusammenlebens in der Familie nicht ganz der Rangordnung im Rudel. Das kann für den Hund mühsam sein. Durch das ständige Einbezogensein in den Familienbetrieb kann ein Hund abstumpfen, und er hat möglicherweise zu kurze oder zu wenige Erholungsphasen. Ein Arbeitshund braucht unbedingt genügend Ruhe. Das ist Zeit, in der er für sich allein ist. Ich halte „Zwingerhaltung mit Familienanschluss“ für sehr geeignet. Da ein Zwinger im Freien steht, bietet diese Haltung auch Gewähr, dass sich das Fell des Hundes gut entwickelt. Die Wohnungen der Menschen sind für Arbeitshunde zu warm und damit ungesund.

Wie lange dauert es, bis ein Schutzhund Prüfungen ablegen kann?

Je nach Trainingsaufwand und nach Fortschritt des Hundes ist es möglich, mit einem zweieinhalb bis dreijährigen Hund eine erste Prüfung IPO I zu absolvieren. Es ist nicht wichtig, dass ein Hund so früh wie möglich Prüfungen ablegt. Wichtig ist, dass die Ausbildung seiner Entwicklung angepasst ist, und dass das Training gut dosiert wird.

Sie sagen, der Hund absolviere seine Ausbildung in Nasenarbeit, Unterordnung und Schutzdienst gerne?

Vorausgesetzt, die genetische Veranlagung sei gut, ist es keine Frage, dass ein Hund gerne arbeitet. Die Arbeit ist sein Lebensinhalt. Sie macht das HundeLeben spannend. Der Hund fühlt sich durch das Training sicher und bestätigt. Er erhält ja auch immer wieder Lob und Bestätigung von seinem Führer. Damit sei nochmals die Bedeutung des Hundeführers betont. Er ist verantwortlich dafür, dem Hund Herausforderungen zur persönlichen Entfaltung zu bieten. Das ist im weiteren Sinne artgerechte Haltung. Ein Hund, der gut trainiert wird, ist in allen Belangen ein besserer Begleiter für den Menschen. Er ist ausgeglichen, unternehmungslustig und stets zu Neuem motiviert. Beobachten Sie den Hund, wenn er merkt, dass die Arbeit beginnt, dann wissen Sie Bescheid.

Interview: G. Caduff